Zwischen Knast und Kamera

Je absurder desto interessanter, die allgegenwärtigen Castingshows im deutschen Fernsehen bringen die Jugendlichen auf eine falsche Spur, dabei braucht die Wirtschaft gut ausgebildete und motivierte Leute.

Lesezeit: 10 Min.

10.01.2022

Wenn Outlaws zu Trendsettern werden

Einen Platz unter den Schönen und Reichen ergattern ist wohl der Traum von vielen. Wie verlockend ist es, wenn der Weg dorthin so einfach zu sein scheint? Diejenigen, die den Weg dorthin bereiten können, sind aber oft Jenseits alle Skrupel. Die Menschen mit ihren Hoffnungen nur ihr Spielball. So ist es wohl nicht ungewöhnlich, dass sich vor allem junge Menschen, oft mit wenig Skrupel beladen, auf die Traumreise begeben. Das Mittel heißt Casting-Show. Nicht selten bewerben sich dort jene, die es – der Anziehungskraft des Geldes erlegen – in ihrem sozialen Umgang mit den Regeln des Strafgesetzbuches nicht ganz so genau nehmen. Dass sie selbst nur Lockmittel der „Schönen und Reichen“ sind, um per Einschaltquote deren Kontostand zu veredeln, scheint ihnen kaum gegenwärtig. Sie wollen für einen Wimpernschlag auf den Brettern die die Welt bedeuten wahrgenommen werden.

Pecunia non olet

Was aber macht es mit einer Gesellschaft, wenn Outlaws zu Trendsettern werden? Wenn die rote Linie zwischen bürgerlicher Gesellschaft und Halbwelt verwischt? Nobellimousinen, sündhaft teure Modeaccessoires, luxuriöser Lebensstil ¬– das sind die Zutaten, die zum Greifen nah erscheinen. Man will Teil der Hautevolee werden. Lange vorbei sind die Zeiten, in denen sich die gesellschaftlichen Verlierer im fahlen Licht übel beleumundeter Kaschemmen tummelten. Warum aber verschwimmen die Konturen zwischen den vermeintlich gesitteten Gesellschaftsschichten und lichtscheuen Randgruppen? Wobei lichtscheu heute kein passendes Adjektiv zu sein scheint, denn man sucht das Rampenlicht. Als der römische Kaiser Vespasian für seine neue Steuer auf öffentliche Bedürfnisanstalten von seinem Sohn Titus kritisiert wurde, soll er ihm die Münzen unter die Nase gehalten und gefragt haben, ob denn das Geld stinke. Überliefert ist daraus das geflügelte Wort: Pecunia non olet – Geld stinkt nicht. Bevor die Penunze allerdings ihre allgemein gleichmacherische Wirkung entfalten konnte, sollten noch zwei Jahrtausende ins Land gehen. Sicher, schummrige Viertel und Rotlicht-Meilen übten schon immer auch eine gewisse Faszination auf die Herrschaften der bürgerlichen Welt aus, war aber dennoch eine eigene Szene. Das hat sich geändert. Nicht nur das Lebensumfeld verschwimmt, auch das äußere Erscheinungsbild. Eine Hommage der bürgerlichen an die Halbwelt? Gesteigertes Interesse eingeschlossen.

Faszination des verrufenen

Als sich zum Beispiel in New York, bedingt durch die Einwanderung Stadtviertel bildeten, die jeweils vor allem von einer bestimmten Ethnie dominiert wurden, entstanden gleichzeitig entsprechende kriminelle Hotspots: Chinatown oder Little Italy, um nur zwei Beispiele zu nennen. Das Faustrecht ersetzt die Judikative. Diese rechtsfreien Räume beflügelten nach und nach die Fantasie von Autoren und Drehbuchschreibern. Ein Mythos wurde geboren und blieb. „Lebt New York mit seinem Little Italy und seiner Chinatown nicht auch ganz gut? Macht das nicht sogar einen gewissen Reiz dieser Stadt aus?“ fragte der FDP-Abgeordnete Friedrich Wilhelm Hölscher am 4. Februar 1982 in einer Debatte über Integration im Deutschen Bundestag.

Hitparade der Niveaulosigkeit

Im kommenden Jahr blickt man auf vier Jahrzehnte zurück, in denen es grundlegende gesellschaftliche Veränderungen (nicht nur) in der Bundesrepublik gegeben hat. Am 1. Oktober 1982 trat Helmut Kohl (CDU) das Amt des Bundeskanzlers an. Er behielt es 16 Jahre, genauso lang auch seine Elevin Angela Merkel. Kohl propagierte eine geistig-moralische Wende für Deutschland. Die er unverzüglich in die Tat umsetzte. Die bereits vor seinem Amtsantritt beschlossene und höchstrichterlich abgesegnete Einführung privater TV-Sender, trieb Kohl mit Nachdruck voran. Eine Entwicklung, die alsbald unangenehme Auswüchse zeitigte. Die folgende Niveaulosigkeit wird heute sogar statistisch erfasst. Bei Statista.de heißt es für das vergangene Jahr: „Laut einer Umfrage des Marktforschungsinstitutes mafo.de war ‚Frauentausch‘ mit mehr als 59 Prozent Anteil aller Nennungen die niveauloseste Fernsehsendung für die Befragten. Dicht dahinter folgt ‚Adam sucht Eva – Gestrandet im Paradies‘ mit mehr als 56 Prozent der Nennungen im Jahr 2017. ‚Schwiegertochter gesucht‘ wurde von rund 51 Prozent der Teilnehmer als niveaulose Sendung genannt.“ Dies allein für sich ergibt noch kein gesellschaftliches Sittengemälde. Aufschlussreicher wird es, betrachtet man die Protagonisten gewisser Sendeformate, ergeben sich soziale Konturen, denen kaum das Attribut „Unterhaltung“ zugeschrieben werden kann.

Fernsehformat für talentfreie Träumer

Unter dem Motto „Trends der Nullerjahre“ beschäftigte sich die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ) im Oktober 2009 mit verschiedenen modischen Erscheinungen. Dabei fragt das Blatt: „Wer hätte gedacht, dass Kriminelle und Seeleute mal echte Trendsetter werden würden?“ Und antwortet sich selbst: „Statt Knackis ließen sich Controller, Krankenschwestern, Kindergärtnerinnen & Co. tätowieren.“ Auch Polizisten – mit weitreichenden Folgen. „Die Bestätigung einer verfassungsfeindlichen Gesinnung durch ‚bloße‘ Tätowierung ist möglich“, stellte das Bundesverwaltungsgericht 2017 fest und bestätigte die Entfernung eines Berliner Polizeikommissar aus dem Dienst (BVerwG 2 C 25.17).

Blicken wir zum Beispiel auf ein „Fernsehformat für talentfreie Träumer und schadenfrohe Zuschauer.“(SZ) Da gibt es „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS), was vielleicht auch als Losung für ein Fahndungsplakat gedacht sein könnte. Ein Jury-Mitglied brachte die Kandidatenkür auf den Punkt, wie die „tz“ schreibt: „Die ganze Sache lebe nur von ‚Koks, Knast oder Hartz IV‘.“ 2019 wurde ein ehemaliger Teilnehmer der Casting-Show vom Landgericht Düsseldorf zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht kam zu dem Schluss, dass der Mann seine frühere Freundin aus Rache an deren Mutter getötet hatte.“ Ein Jahr zuvor wurde ein anderer DSDS-Kandidat wegen Versuchten Mordes für neun Jahre hinter Gitter geschickt. Der DSDS-Sänger Dominik M. soll „bereits über 35 eingetragene Strafen im Zentralregister verfügen und 30.000 Euro an Geldstrafen beglichen haben. Sein letzter Ausraster scheint jedoch das Fass zum Überlaufen zu bringen: Dominik hat einem Taxifahrer mit dem Tod gedroht …“ So eine Promi-Webseite.

Gezielte Grenzverletzungen

„Er hatte unter anderem 20 Waffen zuhause“, schrieb im Februar dieses Jahres ein TV-Magazin über einen der absolut talentfreien Kandidaten, der für fast drei Jahre in den Knast wanderte. Im Juni 2015 wurde ein anderer DSDS-Barde wegen gewerbs- und bandenmäßigem Betrug zu einem Jahr und neun Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Ein beachtliches Vorstrafenregister brachte ein Berliner DSDS-Kandidat mit, der gleich zweimal antreten durfte: Drogen, räuberische Erpressung und Diebstahl.

Kriminell als Auswahlkriterium? Welche Werte will der Sender vermitteln? Vorbestraft scheint für gewisse Redaktionen eine Art Markenzeichen zu sein. Kritik an diesem Sendeformat kam schon vor einem Jahrzehnt von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Dort hieß es in einem Artikel unter der Überschrift „Gezielte Grenzverletzungen – Castingshows und Werteempfinden“: „So äußerte die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM in Bezug auf die Castingshow ‚Deutschland sucht den Superstar‘ (‚DSDS‘), bereits mehrfach Befürchtungen, die Präsentation beleidigender Äußerungen und antisozialen Verhaltens, die Häme und Herabwürdigung anderer als legitim darstelle, könne bei Kindern eine desorientierende Wirkung haben. Im Jahr 2008 hatte die KJM mehrere Folgen der fünften ‚DSDS‘-Staffel beanstandet und ein Bußgeld in Höhe von 100.000 Euro verhängt. Zwei Jahre später stellte die KJM erneut einen Verstoß gegen die Jugendschutzbestimmungen fest.“

Spielball der Sender

Die Macher derartiger Sendeformate suchen offensichtlich gezielt nach Bewerbern, die eine gewisse Rücksichtslosigkeit gegenüber sich selbst und ihren Mitmenschen mitbringen. Zuweilen mit fatalen Folgen für sich selbst. Teilnehmer solcher Shows haben vor einiger Zeit ihre (in erster Linie unangenehmen) Erfahrungen als Buch veröffentlicht. Darüber schrieb im September 2009 „Die Welt“: „Kaum hatte er das Viertelfinale von ‚Star Search‘ (Sat.1) gewonnen, da ahnte er, welchen Preis er für seine Popularität würde zahlen müssen. Offenbar gab es bei Sat.1 ‚Maulwürfe‘, die die Boulevardpresse gezielt mit Informationen über die Kandidaten versorgten – auch mit solchen, die geeignet waren, Karrieren zu zerstören. Jedenfalls begannen die Buchstaben vor seinen Augen zu tanzen, als er am Tag danach die Zeitung aufschlug. ‚Darf so einer Deutschlands neuer Superstar werden?‘, titelte die ‚Bild‘-Zeitung. Die Öffentlichkeit erfuhr in diesem Bericht etwas, was bis dahin kaum einer gewusst hatte, nicht einmal sein eigener Vater. Dass nämlich Martin K. wegen Drogenbesitzes vorbestraft war. ‚Ich war total im Arsch und von da an eben der Hasch-Martin‘, sagt der 36-Jährige.“ Die Familiennamen der Protagonisten werden hier nur mit dem Initial angedeutet, gehen jedoch im Internet in voller Länge viral.

Zwar soll in den Verträgen mit den Kandidaten von DSDS, so das Portal „SchlagerPlanet“, gefordert werden, „dass sie keine Vorstrafen oder laufende Verfahren haben.“ Ein besonders vehementes Nachforschen zum Einhalt dieses Kriteriums ist jedoch nicht zu erkennen.

Afghanistan-Unterhalter und Verschwörungsideologe

Einer der Juroren bei DSDS war bis zu seinem Rauswurf 2020 der Sänger Xavier Naidoo. Bereits im November 2000 schrieb der „Spiegel“: „Das Mannheimer Amtsgericht verurteilte Naidoo zu 20 Monaten Haft auf Bewährung und 100.000 Mark Geldbuße. Damit schrammte der mehrmals vorbestrafte Sänger nur knapp an einer Gefängnisstrafe vorbei.“ Sein öffentlicher Karriereknick kam erst zwei Jahrzehnte später, nachdem er als Corona-Leugner in Ungnade gefallen war. „Naidoo löste vielfach Kontroversen aus, unter anderem mit seinen Songtexten, politischen Aussagen, dem Propagieren von Verschwörungstheorien und Ideologieelementen der Reichsbürgerbewegung sowie homophoben, antisemitischen und rechtspopulistischen bis rassistischen Andeutungen sowie antiwissenschaftlichen Äußerungen“, heißt es in der Internet-Enzyklopädie Wikipedia, ist also öffentlich einsehbar. Dennoch wurde er im Juni 2005 geehrt, als er mit der Musikgruppe „Söhne Mannheims“ auf Einladung der deutschen Botschaft ein Konzert in der Oper von Tel Aviv geben konnte. Fünf Jahre Später durfte er mit Konzerten in Afghanistan die deutschen Soldaten im Kriegsgebiet unterhalten.

Je absurder desto interessanter, das ist die ungeschriebene Formel der journalistischen Spanner in der Regenbogenpresse wie im Internet, die auch auf seriöse Medien abfärbt. Besonders beispielgebend die Karriere der jungen Nathalie V., die sich in diversen Castingshows andiente. Als sie 2016 zum Kakerlaken-Dinner mit dem Sender RTL ins sogenannte Dschungelcamp nach Australien reisen durfte, wollte ihre Mutter unbedingt dabei sein. Die verbeamtete Lehrerin erhielt jedoch keinen Urlaub, ließ sich krankschreiben und reiste mit. Das kostete sie am Ende Job und Beamtenstatus. Der Elternratsvorsitzender sagte gegenüber der Presse. Es gebe viele Stimmen, die sagen, dass die Lehrerin an der Schule nicht mehr tragbar sei – nicht zuletzt, weil Lehrer eine Vorbildfunktion hätten.

Für die Tochter, deren größtes Kapital offensichtlich Aussehen und Schminkkoffer ist, wurden weitere Weichen für die Karriere gestellt, die in der entsprechenden Presse genüsslich ausgewalzt wurde. Eine Beziehung mit einem 40 Jahre älteren Kaufhauserben brachte ihr reichlich Geld. Schlagzeilen bekam sie, als sie sich im September dieses Jahres in der Türkei mit einem wegen Todschlages in Deutschland zu elf Jahren Haft verurteilten und abgeschobenen Rocker der „Hells Angels“ verlobte. Einen Monat später gab sie die Trennung bekannt. Das Medieninteresse war ihr fast abonniert sicher.

Gift für die Wirtschaft

Schon 2003 zitierte der „Spiegel“ Christoph Matschie (SPD), den Staatssekretär im Bundesbildungsministerium, der „mit Grausen an die Folgen der vielen Casting-Shows im deutschen Fernsehen“ dachte. „Der Traum vom Star-Ruhm entführe die jungen Leute in eine Scheinwelt und mache sie untauglich für das harte Leben im Alltag. … Die allgegenwärtigen Castingshows im deutschen Fernsehen bringen seiner Meinung nach die Jugendlichen auf eine falsche Spur und seien außerdem ‚Gift für die Wirtschaft‘“, hieß es dort. „Die Castingshows bewirken zweierlei“, sagte Matschie laut „Spiegel“: „Sie entführen die Jüngeren in eine Scheinwelt, die ihnen zum einen ein Erfolgsmodell vorgaukelt, das nur bei einigen wenigen funktioniert. Zum zweiten beschäftigen sich die jungen Leute nicht mehr mit ihren eigenen Problemen. Die Wirtschaft aber braucht gut ausgebildete und motivierte Leute, die mit beiden Beinen im Leben stehen.“

So konstatiert das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) im Mai dieses Jahres: „Tausende junge Frauen wollen Deutschlands nächstes ‚Topmodel‘ werden, Hobbysänger lassen sich für ein bisschen Ruhm demütigen: 20 Jahre Castingshows haben die deutsche Gesellschaft verändert.“

Auch wenn die Zeit des „Tele-Darwinismus“ – wie ihn die Darmstädter Professorin für Kommunikationswissenschaften und Medienkommunikation, Katrin Döveling, bezeichnet – langsam zu Ende geht, die Charaktere, die in diesen Selektionsverfahren hochgespült wurden, werden Personalabteilungen und Sicherheitsverantwortliche noch eine ganze Weile beschäftigen. Die Symbiose von Gesetzesbruch und Karriere sind keine Eintagsfliegen.

 

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Über den Autor: Peter Niggl

Peter Niggl, Journalist und Chefredakteur der Fachzeitschrift Security insight