Unternehmenssicherheit

Just-in-Crime

Diebstahl auf Bestellung kann auf eine lange Tradition zurückblicken: Ein Antiquitäten-Liebhaber in Kauflaune sucht einen entsprechenden Händler auf. Er schildert ihm sein Faible für historisches Interieur. Wertvolle Stücke schmücken bereits das Heim des betuchten Herrn.

Kriminelle Firmenausstattung: 15 jeweils über 200 kg schwere Maschinen zur Herstellung von Speiseeis konnte die Polizei Gelsenkirchen sicherstellen. Die Maschinen haben einen Gesamtwert von über 100.000 Euro. (Foto: Polizei Gelsenkirchen)

Der Händler kann zwar gerade keine passenden Stücke vorweisen, aber – so sagt er dem potenziellen Käufer – er habe da noch etwas auf Lager. Er könne ihm die edlen Teile schon mal auf Fotos zeigen; und er holt einige Polaroid-Aufnahmen aus der Schublade. Dem Interessenten gerinnt bei der Durchsicht der Bilder fast das Blut in den Adern. Auf einem der Fotos ist ein Möbelstück aus seinem Wohnzimmer zu sehen – genau dort abgelichtet, wo es immer noch steht.

Das Thema ist vertrackt. Nur in den seltensten Fällen können stichhaltige Beweise erbracht werden, dass es sich bei einem Diebstahl um eine „Auftragsarbeit“ handelte. Aber immer öfter drängt sich eine derartige Vermutung regelrecht auf. „Ersatzteildiebstahl auf Bestellung“, lautete die Überschrift einer Meldung, die die Polizeiinspektion Rotenburg (Wümme) im Februar dieses Jahres an die Presse gab.

Darin wird der Sachverhalt skizziert: „Zielgerichtet und professionell haben unbekannte Täter … vom Gelände eines Autohauses … acht Katalysatoren von Mercedes-Nutzfahrzeugen gestohlen. Sie montierten vor dem Verkaufsgebäude fünf Auspuffanlagen von ausgestellten Gebrauchtfahrzeugen ab, nahmen aber nur die Katalysatoren mit. Auf dem umzäunten Gelände hinter dem Autohaus gingen sie drei weitere Sprinter an und bauten auch dort die Katalysatoren aus. Die Polizei geht von einem Schaden von über zehntausend Euro aus.“

LEIDER NOCH ZU SELTEN BEWEISE

Den Beleg für einen Diebstahl auf Bestellung bleibt die Polizei schuldig, wenngleich die Annahme naheliegend ist. Der österreichische Schlossermeister und Buchautor Michael Bübl verfährt ähnlich. In einem Beitrag über den zunehmenden Diebstahl von Fahrzeugscheinwerfern meint Bübl: „In manchen Fällen handelt es sich auch um Auftragsdiebstahl.“ Dies sei „eine neue Art des gewerblichen Diebstahls“, welche „eben erst begonnen hat.“

Wenn also über Auftragsdiebstahl geschrieben oder gesprochen wird, dreht sich vieles um Indizien und Schlussfolgerungen, aber recht wenig um wasserdichte Beweise. Aber auch wenn Langfinger überführt und verurteilt wurden, weil sie auf Bestellung „gearbeitet“ haben, wird sich das in dieser Form in keiner Kriminalstatistik wiederfinden. Das Strafgesetzbuch kennt die geschäftsmäßige Arbeitsteilung in der kriminellen Geschäftswelt nicht. Der Auftraggeber gilt im StGB als Anstifter oder Mittäter. Das soll jedoch dem Ehrgeiz keinen Abbruch tun, sich mit Auftragsdiebstählen auseinanderzusetzen und zwar in verstärktem Maße, damit aus den Mutmaßungen gesicherte Erkenntnisse werden. Das ist umso wichtiger, als diese Form des Diebstahls zugleich die komplexeste Form dieses Deliktes darstellt.

ES MUSS EINE ORGANISATIONS-EINHEIT GEBEN

Nehmen wir als Beispiel das eingangs beschriebene Foto eines antiken Möbelstückes, das sozusagen als mögliches Diebesgut noch beim rechtmäßigen Besitzer „gelagert“ war. In dem skizzierten Fall standen oftmals „Putzfrauen“ aus Osteuropa im Verdacht, als „Aufklärerinnen“ eingesetzt worden zu sein. Geschickt platzierte schwarze Schafe in einer großen „Herde“ fleißiger und ehrlicher Reinigungskräfte. Schon bei der Aufklärung möglicher Beuteobjekte beginnt die Besonderheit, die sie von einfachen Diebstählen unterscheidet.

Sven Laukat, der sich seit zehn Jahren als Data Analyst bei der Berliner r.o.l.a. Business Solutions GmbH mit dem Auffinden von Diebesgut beschäftigt, das im Internet vertickt wird, weiß um die Strukturen solcher Taten: „Es muss logischerweise eine Organisations- Einheit geben. Jemand, bei dem die Fäden zusammenlaufen und der die Logistik koordiniert. Hier laufen gegebenenfalls die Informationen des Innentäters auf, von hier wird das Beschaffungsteam losgeschickt und es besteht Kontakt zum Auftraggeber respektive Abnehmer.“ In der eingangs beschrieben Episode wäre dies der Antiquitätenhändler, der im Falle eines Abnehmers seine Einbruch- Söldner losgeschickt hätte.

EINZEL- UND ERSATZTEILE WERDEN IMMER GEFRAGTER

Nun wären solche Auftragsdiebstähle im Westentaschenformat kein Grund, dieses Thema besonders herauszuheben. Aber die Dimension und Professionalisierung, die mittlerweile in diesem „Markt“ Einzug gehalten hat, muss aufschrecken. Ende Januar haben Diebe von einem Gelände des Automobilwerks von Jaguar Land Rover im englischen Solihull zwei Trailer mit Motoren entwendet.

Der Gesamtwert der Ladungen betrug umgerechnet fast dreieinhalb Millionen Euro. Nach der spektakulären Tat von einem Reporter des Senders BBC gefragt, ob irgendwelche Mitarbeiter verhaftet oder entlassen worden seien, meinte eine Sprecherin des Unternehmens vielsagend, man würde dies nicht kommentieren. Diebstahl auf Bestellung durch Innentäter kann bis in die Chefetagen reichen, wenn sich dahinter ein Versicherungsbetrug verbirgt.

Zeichnete sich ein Auftragsdiebstahl früher dadurch aus, dass vor allen Dingen fertige Konsumgüter im Visier der Täter standen, wandelt sich nun das Bild. Hochwertige Einzel- und Ersatzteile gewinnen an Attraktivität. Eine Diversifizierung der kriminellen Geschäftswelt ist unverkennbar. Es gibt inzwischen logistische Spezialisten, die wissen, wo hochwertige Autoteile gerade gefragt sind und wo sie gefahrlos verarbeitet werden können.

Die Frage des BBC-Reporters nach möglichen Innentätern war unter diesen Gesichtspunkten nicht aus der Luft gegriffen.

NOCH IMMER BESONDERES ZIEL: HOCHWERTIGE FAHRZEUGE

Kraftfahrzeuge begehrter Marken sind zweifellos bevorzugtes Ziel von Dieben. Als im vergangenen Jahr Tätergruppen bevorzugt BMW-Modelle der Premiumkategorie ins Visier nahmen und ganze Armaturenbretter ausbauten, befürchtete die „Rhein-Neckar- Zeitung“, dass „ein rasches Ende der dreisten Touren von Auftragstätern durch Städte und Gemeinden anscheinend nicht in Sicht“ sei.

„Die Täter stammen nach Ansicht der Polizei aus Osteuropa, wohin die Beute wohl auch auf schnellstem Weg gebracht wird. In der Regel stehen teure Navigationsgeräte, Entertainmentsysteme oder gleich das gesamte Lenkrad der neueren Modelle der Serien 3er bis 5er auf der Wunschliste der Hehler“, ergänzte das Blatt in dem Bericht.

Im TV-Programm des Hessischen Rundfunks wurde im vergangen Jahr gewarnt: „Hochwertige Fahrzeuge die am Straßenrand oder in ungesicherten Carports abgestellt werden, sind besonders diebstahlgefährdet.

Die sichere Alternative sind beleuchtete und belebte Straßen, bewachte Parkplätze oder eine abschließbare Garage. Seien Sie misstrauisch, wenn Ihr Fahrzeug von fremden Personen lange beobachtet wird, wenn diese Fotos machen oder wenn ein Auto mit ausländischem Kennzeichen auffällig häufig und mehrmals an Ihrem Auto vorbei fährt.

All das können bereits die ersten Vorbereitungen für einen geplanten Diebstahl sein, denn gerade hochwertige Autos, werden meist auf Bestellung gestohlen. Werden Sie daher sofort aktiv: Notieren Sie das Kennzeichen und informieren Sie anschließend die Polizei.“

Aus Schrottkisten werden Eins-a-Fahrzeuge Woraus die professionelle Fixierung auf Ersatzteile hochpreisiger Fahrzeuge resultiert, deckte die Illustrierte „Stern“ bereits vor einiger Zeit auf. Unfallfahrzeuge in den USA, die dort von der Versicherung als „Junk and Salvage“, also als Totalschaden eingestuft werden, werden zur Versteigerung freigegeben.

Die Kosten der Wiederherstellung würden die einer Neuanschaffung übersteigen. „Wir wissen von sehr vielen Autos, die mit einem sogenannten Salvage Title in verschiedene europäische Länder importiert werden“, wird Eric Sturm vom Fachbereich Internationale Kfz-Verschiebung beim Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden zitiert. „Meistens sind das Litauen und Polen.“ Dort werden die Schrottkisten zu Eins-a-Gebrauchtwagen wieder aufgepeppt. Das funktioniert natürlich nur, wenn die entsprechenden Ersatzteile auf äußerst preisgünstige Weise beschafft werden können. Es ist die Stunde der Auftragsdiebe. Die zu neuem Leben erweckten Nobelkarossen werden dann – „kaum gelaufen und unfallfrei“ – auf dem deutschen Gebrauchtwagenmarkt, oft auch via Internet angeboten.

Den Schaden hat nicht nur der genasführte Autokäufer, auch die seriösen Autoverkäufer werden um mögliche Umsätze betrogen und gegebenenfalls sind am Ende auch die Versicherungen betrogen, wenn sie für Schäden an Fahrzeugen haften, die bestenfalls optisch als Nobelkarosssen durchgehen.

DIEBE NICHT NUR AUS DEM OSTEN

Zu den Objekten der Begierde von (vermeintlichen oder wahrscheinlichen) Diebstählen auf Bestellung gehören nicht nur Luxuskarossen oder deren Applikationen. Es wird schweres Gerät von Baustellen ebenso entwendet wie große landwirtschaftliche Geräte. In solchen Fällen benötigen die Diebe meist keinen Innentäter als Informanten. Aber: „Grundsätzlich immer würden die Betriebe vorher ausgespäht“, wusste die „Schweriner Volkszeitung“ in einem Artikel unter der Überschrift „Diebstahl auf Bestellung“ zu berichten.

Eine „Einbruchserie bei Agrarbetrieben im Osten Mecklenburg-Vorpommerns und im Norden Brandenburgs geht auf das Konto einer Bande aus Polen“, lautete das Ergebnis polizeilicher Ermittlungen, die auch zutage förderten, das „die Beute – vor allem Tausende Liter Pflanzenschutzmittel – … ‚auf Bestellung gestohlen worden‘ sei, um sie weiter nach Osteuropa zu vertreiben. … Diesen Weg – oft ‚bis nach Kasachstan‘ – nähmen auch gestohlene Traktoren, Radlader, Autos oder andere Fahrzeuge.“

Eine, durch solche Meldungen begünstigte Zuordnung, dass das Absatzgebiet der professionellen Langfinger nur in Ost- und Südosteuropa zu suchen sei, greift allemal zu kurz, wie u. a. einer Meldung der „Aachener Zeitung“ zu entnehmen ist: „Die Täter stehlen auf Bestellung. Sie kommen aus Holland über die Grenze und haben Listen dabei, auf denen Autotypen stehen. Es ist fast so, als wären sie mit einem Einkaufzettel unterwegs und würden Angebote sondieren.“

ENDOSKOPE FÜR HINTERHOFKLINIKEN

Dies macht auch deutlich, in welchem Maße sich inzwischen internationale logistische Strukturen im kriminellen Business etabliert haben. Und sie fügen sich zunehmend in einen Graubereich der allgemeinen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Abläufe ein. In einem Beitrag über den Diebstahl von 300.000 Euro teuren Endoskopen aus einer hessischen Klinik, verweist die „Wirtschaftswoche“ (WiWo) auf Erfolge der Ermittler. In Frankfurt am Main, so das Magazin, seien Täter gefasst und zu Haftstrafen verurteilt worden. Damit kamen auch – selten genug – „einige Hintergründe ans Licht: Das Trio aus Kolumbien hatte in zwei Krankenhäusern der Mainmetropole Endoskope im Wert von 90.000 Euro gestohlen, die den Ermittlungen zufolge von Betreibern sogenannter Hinterhofkliniken in dem südamerikanischen Land bestellt worden waren.“

Durchaus beispielhaft für einen Trend, der von der Ecclesia Versicherungsdienst GmbH bestätigt wird. Die Detmolder Gruppe ist Deutschlands größter Krankenhausversicherer und verzeichnet zwischen Februar 2014 Juli 2016 bundesweit 55 Fälle, in denen teure Untersuchungsgeräte aus Kliniken gestohlen worden sind. Vierzehn Mal schlugen die Diebesbanden allein in Nordrhein-Westfalen zu.

In solchen Fällen entsteht nicht nur ein hoher materieller Schaden, derartige Diebstähle ziehen sogar ein Risiko für Leib und Leben nach sich, wenn dringend benötigtes medizinisches Gerät – für das nicht so oft Ersatz zu beschaffen ist – zu wichtigen Diagnosen oder Eingriffen nicht zur Verfügung steht. Bereits erste Anzeichen solcher Diebstahl-Serien müssen unbedingt als Warnsignal verstanden werden, die Sicherheitsmaßnahmen, personell wie technisch, zu verstärken. Fazit der WiWo: „Die Krankenhäuser müssen nun über mehr Diebstahlschutz nachdenken, wobei dieser in den Kliniken nicht ganz einfach ist: Man könne sie wegen des Publikumsverkehrs durch Patienten und Besucher nicht komplett abschotten, wie die Deutsche Krankenhausgesellschaft dazu mitteilt.“

LEBENSMITTEL BENÖTIGEN BESONDERE LOGISTIK

Mehr als ernüchternd sind deshalb auch die Zahlen, die das Internet-Portal lebensmittel. de bereits vor geraumer Zeit für den Lebensmittel-Einzelhandel (LEH) veröffentlichte. Auch wenn Mitarbeiter- und Lieferantendiebstähle, so die Netz-Zeitung, „im LEH stärker zu Buche schlagen als in anderen Branchen: Was dem Handel besonders zu schaffen macht, ist der professionell organisierte Ladendiebstahl von Banden und Tätern, die bestimmte Waren in großen Mengen auf Bestellung klauen und auf einen Schlag enormen Schaden anrichten.

Karsten Dorn von Security Management Consulting bezifferte beim EHI-Kongress den Warenverlust, den eine Bande in einem einzigen Markt verursacht, auf 2.000 bis 4.000 Euro. Im Schnitt klauten solche Banden in 10 bis 20 Läden am Tag, sodass sich der tägliche Gesamtschaden durch eine Bande auf bis zu 80.000 Euro summieren könne.“ Mehr als bei anderem Diebesgut, sind die Täter bei Lebensmitteln darauf angewiesen, die Beute recht kurzfristig weiter zu veräußern und machen damit deutlich, dass sich dies nur durch eine perfekt funktionierende Logistik bewerkstelligen lässt.

Mit den technischen Möglichkeiten wächst auch das Tätigkeitsfeld der Auftragsdiebe. Dass der Diebstahl von Identitäten einmal ein lohnendes Gebiet für Diebstahl auf Bestellung werden könnte, daran hatten wohl die vorangegangenen Generationen von Langfingern nicht einmal im Traum gedacht.

Autor: Peter Niggl, Chefredakteur SECURITYinsight

Redaktion Prosecurity

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