Unternehmenssicherheit

Wo der Herr seine Kirche baut:

„Wo der Herr seine Kirche baut, stellt der Teufel eine Kapelle daneben.“ Das Sprichwort aus der Feder des Dr. Martin Luther ist im 500. Jahr der Reformation treffend wie eh und je. Dort, wo mit viel Schweiß etwas glanzvoll Neues geschaffen wird, ist der Beelzebub nicht fern, der von diesem Glanz profitieren möchte – ohne oder zumindest mit wenig Mühe.

Wenn der südkoreanische Elektronik-Multi Samsung dieser Tage mit der öffentlichen Vorstellung des neuen Smartphone Galaxy S8 einen Glanzpunkt in der mobilen Kommunikation setzen will, kann er sich das Luther Zitat übers Firmenportal in Seoul hängen.

Schon bevor das gute Stück der Allgemeinheit präsentiert worden war, hatten die südkoreanischen Entwickler diabolische Konkurrenz aus dem benachbarten Reich der Mitte erhalten. Denn „eine täuschend echt aussehende Fälschung“ des Samsung Galaxy S8, so das Technikportal „Giga“, war bereits im Huaqiang-Bezirk in China’s Hightech-Metropole Shenzhen zu finden. Auf notebookcheck. com gibt es dann auch ein Testergebnis: „Die Fälschung hat Fingerabdrucksensor und LEDBlitz vertauscht.

Dem unbedarften Käufer könnten solche Details zwar entgehen, spätestens beim Einschalten wird aber wohl allen klar, dass das Gerät nicht aus Samsung’s Fabriken stammen kann. Der sichtbare Teil des Panels füllt die verfügbare Displayfläche nicht ganz aus, man sieht oben und unten dicke schwarze Ränder. An der Unterseite ist ein Micro-USB-Port statt des zu erwartenden USB-C-Pendents verbaut, wir wollen gar nicht wissen, was sich statt des Snapdragon 835-Prozessors im Inneren verbirgt. Durchgefallen!“

4,2 MILLIARDEN EURO UMSATZVERLUST

Aber das Problem heißt nicht allein Samsung Galaxy S8. Von Produktpiraten auf den Markt gebrachte Smartphone-Fälschungen verursachen jährlich einen Schaden von mehreren Milliarden Euro. Smartphone-Hersteller haben 2015 laut einer Studie des EU-Amts für geistiges Eigentum (EUIPO) und der Internationalen Fernmeldeunion (ITU) wegen parallel verkaufter 14 Millionen Imitate 4,2 Milliarden Euro Umsatz verloren.

Weltweit werden die Einbußen auf 45,3 Milliarden geschätzt, für Deutschland auf 564 Millionen. EUIPO und ITU hatten die offiziellen Smartphone-Verkaufszahlen für das Jahr 2015 unter anderem mit der Entwicklung der Anzahl von SIM-Karten und länderspezifischen Erfahrungswerten, wie viele Nutzer ihre Karten nach einem Gerätewechsel weiternutzen, abgeglichen.

Das Ergebnis: Weltweit wurden im vorvergangenen Jahr 184 Millionen Fälschungen verkauft. Dadurch sollen, wie heise.de berichtet, der Branche 12,9 Prozent ihrer Umsätze verloren gegangen sein – das entspricht 45,3 Milliarden Euro.

Spitzenreiter unter den Mitgliedsstaaten ist Italien mit einer Quote von 15,4 Prozent, die sich auf 885 Millionen Euro belaufen soll. Es folgt Großbritannien mit einem Minus von 660 Millionen Euro, was Verlusten von 5,7 Prozent entspricht. Die absolute Zahl der Einbußen liegt auch in Deutschland mit 564 Millionen Euro recht hoch, die Quote gehört mit 5,7 Prozent dennoch zu den niedrigsten in der EU. Nur die skandinavischen Länder stehen noch besser da.

ZAHL DER KRIMINELLEN ORGANISATIONEN STEIGT

Der aktuelle, alle vier Jahre erscheinende Sicherheitsbericht zur schweren und organisierten Kriminalität zeigt, dass die Zahl der kriminellen Organisationen mit OK-Hintergrund in der EU zwischen 2013 und 2016 von 3600 auf 5000 gestiegen ist. Dies entspricht einem Zuwachs von 40 Prozent. Jede zwanzigste dieser Gruppierungen hat laut Europol eine Verbindung zum Terrorismus. Des Teufels Kapelle.

„Der Einfluss von Produktfälschern auf die strategischen Entscheidungen eines Unternehmens ist noch kaum erforscht“, betonte die Mannheimer Wirtschaftsexpertin Prof. Michelle Sovinsky im März dieses Jahres. Dabei liegt der Umsatz, der weltweit mit kopierter Ware erzielt wird, laut der Internationalen Handelskammer bei 600 Milliarden US-Dollar im Jahr.

„Seit vielen Jahren sehen wir die Entwicklung der Produktpiraterie mit Sorge, denn trotz der Verschärfung von Gesetzen und verbesserter Unterstützung durch Behörden und Messeveranstaltern hat sich die Bedrohung durch Fälschungen und Plagiate nicht verbessert“, klagte der Präsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), Dr. Reinhold Festge, im vergangenen Jahr.

EINE AUFSCHLUSSREICHE KARAMBOLAGE

Die Geschichte der Produktfälschung kennt Geschichten, wie aus dem Tollhaus. Laut chinesischer Medienberichte hatte es im vergangenen Jahr in der Millionenstadt Chongqing einen Verkehrsunfall gegeben. Ein SUV der Marke Range Rover Evoque war mit einem SUV chinesischer Produktion Typ Landwind X7 kollidiert. Ein Blechschaden. Ein Bagatellfall, kaum wert für die Kurzmeldungsspalte der Lokalpresse.

Das Groteske an der Situation jedoch war, dass der chinesische Landwind X7 eine dreiste Einszu- Eins-Kopie des Range Rover Evoque war – zumindest äußerlich. Fazit: Solche Falsifikate können kaum in schummrigen Hinterhofwerkstätten entstehen. In China hat die Plagiatindustrie offenbar nach wie vor recht profitablen Nährboden.

Aber Vorsicht! Die Plagiatoren nur im fernöstlichen Riesenreich zu suchen, würde der Sache nur ungenügend gerecht werden. Bei den diesjährigen Plagiarius Negativ-Preis für die dreistesten Produktfälschungen haben die USA mit der Kopie der deutschen Hundeleine „flexi Explore L“ den ersten Platz erobert.

„…GEHACKT STAHLWOLLE FASER FÜR BREMSBELÄGE MATERIALIEN“

Sicher, Hundeleine versus SUV, das ist ein ungleiches Duell. Besonders ärgerlich jedoch, dass das US-Falsifikat über den Internet- Versandriesen amazon vertrieben wird. Fälschungen sind kein Nischen-Problem. Dass man dabei bei einem Kauf via Internet schnell mal über den Tisch gezogen werden kann, ist keine neue Erkenntnis.

Unter den Online- Händler tummeln sich immer mehr Betrüger und Plagiatverkäufer. Kaum Beruhigung dürfte eintreten, wenn nunmehr der chinesische amazon-Konkurrent Alibaba auf dem deutschen Online-Markt Fuß zu fassen sucht. Was wohl dahintersteckt, wenn auf german.alibaba. com beispielsweise 2 Tonnen „gehackt stahlwolle faser für bremsbeläge Materialien“ angeboten werden?

Es ist leider zu befürchten, dass die von der chinesischen Führung Anfang des Jahres angekündigte Öffnung des Marktes dazu führt, Forderungen leiser werden zu lassen, mit denen das Land dazu veranlasst werden soll, sich den internationalen Normen eines fairen Handels anzupassen. In China gilt beispielsweise hinsichtlich geistiger Eigentumsrechte immer noch das Erstanmeldeprinzip. Das bedeutet, dass Versuche gegen Rechtsverletzungen fruchtlos bleiben, solange entsprechende Urheberrechte nicht rechtzeitig in China angemeldet wurden.

KEINE HANDHABE GEGEN DIE KOPIERER

Allzu große Blauäugigkeit in hiesigen Unternehmen leisten dann auch noch Plagiatoren Vorschub. Ein besonderes Dilemma offenbarte der zweite Platz unter den diesjährigen Plagiarius-Preisen, der an die Fälschung des Bürostuhls „Silver“ ging. Das Original wird von Interstuhl Büromöbel in Meßstetten-Tieringen hergestellt. Das chinesische Unternehmen Shenzhen Chunshan Trading Co. Ltd. hat den Stuhl fast identisch auf den Markt gebracht. Weil das Produkt bereits seit zehn Jahren erhältlich ist und damals kein Patent angemeldet wurde, sind Interstuhl im Vorgehen gegen die dreiste Kopie weitgehend die Hände gebunden. Ein Beispiel, das zu denken geben muss.

Europol und Interpol haben die Produktfälscher durchaus im Visier. Die Ergebnisse können einem durchaus den Appetit verderben. Bei Durchsuchungen wurden in nur drei Monaten 10.000 Tonnen gefälschter Lebensmittel beschlagnahmt, zusätzlich eine Million Liter Getränke.

Die 470 mutmaßlichen Fälschungen, die das Hauptzollamt Darmstadt auf der Konsumgütermesse Ambiente im Februar dieses Jahres sichergestellt hat, sind noch nicht einmal mit der berühmten Spitze des Eisberges zu umschreiben. Aber sie sind ein wichtiger Indikator für die Entwicklung auf dem tiefschwarzen Markt der Produktpiraten. Festzustellen ist, dass auf der Ambiente mehr als doppelt so viele Plagiate wie im Vorjahr gefunden wurden.

Alles andere als ein Grund zur Entwarnung. In der Aufzählung der Herkunftsländer der gefälschten Waren rangierte bei den Zöllnern hinter der Volksrepublik China die Türkei auf Platz zwei. Des Teufels Kapelle wird überall dorthin gesetzt, wo etwas vom Glanz des großen Geldes zu erheischen ist.

Autor: Peter Niggl, Chefredakteur SECURITYinsight

Redaktion Prosecurity

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