Ändert die „Generation Goldfisch“ ihr Verhalten?

Durchschnittlich 71 Stunden pro Woche nutzen die Bundesbürger das Internet, 30 Prozent der jüngeren Internetnutzer denken über Reduzierung ihrer Zeit im Web nach.

Lesezeit: 7 Min.

07.06.2024

Durchschnittlich 71 Stunden pro Woche nutzen die Bundesbürger das Internet. Dies ist das Ergebnis einer vor kurzem veröffentlichten repräsentativen Studie der Postbank mit dem Titel „Die digitalen Deutschen 2023“.

Laut dieser Studie belegt diese Zahl einen Anstieg der Zeit, welche die Nutzer im Internet verbrachten um 21 Stunden in den vergangenen fünf Jahren. Allein seit dem Vorjahr habe die Internetzeit um rund sechs Stunden zugenommen. Besonders auffällig sei die intensive Internet-Nutzung durch die sogenannten Digital Natives, also die Altersgruppe zwischen 18 und 39 Jahren. Diese Gruppe sei rund 93 Stunden pro Woche online. Das entspricht fast vier ganzen Tagen. Die Internetnutzung ist allgemein auf dem Vormarsch, wenngleich teilweise mit unterschiedlichen Ergebnissen. Inzwischen wird – was auch die Postbank-Studie belegt – die exzessive Online-Abhängigkeit auch von größeren Nutzergruppen kritisch gesehen.

Mehr Zeit für persönliche Treffen

So denken 30 Prozent der Jüngeren bereits über eine Reduzierung ihrer Online-Zeit nach, 82 Prozent der Befragten ab 40 Jahren sind mit dem Istzustand zufrieden. Junge Leute sehen vor allem soziale Netzwerke als zeitintensiv an. 41 Prozent wollen sich sogar von dort mehr zurückziehen. 37 Prozent der Älteren geht es mehr darum, allgemein weniger zu surfen. Die gewonnene Zeit wollen 30 Prozent vor allem für persönliche Treffen mit Familie und Freunden nutzen.

Darüber hinaus spielen auch gesundheitliche Aspekte immer mehr eine Rolle: 28 Prozent der Befragten, die ihre private Internetnutzung einschränken möchten, glauben, dass weniger Online-Zeit ihre Konzentration, Produktivität und Kreativität im Alltag steigert (plus 5 Prozentpunkte im Vergleich zu 2022). Ebenso viele möchten sich besser konzentrieren können und rund 20 Prozent möchten nicht ständig erreichbar sein.

Schon vor einigen Jahren hat Microsoft eine Studie veröffentlicht, die zeigte, dass die Aufmerksamkeitsspanne beim Menschen von 12 Sekunden im Jahr 2000 auf 8 Sekunden im Jahr 2013 gesunken ist. Damit war die Aufmerksamkeitsspanne von Goldfischen sogar noch um eine Sekunde höher als bei Menschen. Schuld daran ist, wie Gerald Lembke, Professor für Digitale Medien an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg betont, die exzessive Nutzung digitaler Kommunikationswerkzeuge und der sogenannten sozialen Netzwerke. Dies war der Ursprung für den Begriff „Generation Goldfisch“.

Aufmerksamkeitsdefizite gepaart mit Unwissenheit vor Gefahrenquellen im Internet und der digitalen Arbeitswelt tragen auch zu mehr Cybersicherheitsvorfällen in Unternehmen bei. Entsprechend weist das jüngste „Allianz Risk Barometer“ Cybergefahren als größte Sorge der Unternehmen weltweit aus: 44 Prozent aller 2.650 Befragten aus 89 Ländern werteten Cybervorfälle als größtes Geschäftsrisiko.

Erhebliche Unterschiede in der EU

2021 belief sich laut statist.com die Zahl der Internetnutzer in Europa geschätzt auf rund 737 Millionen. Im Ländervergleich ist die Anzahl der Onliner in Deutschland mit rund 79,13 Millionen am größten. Das Ranking der europäischen Staaten mit dem größten Anteil an Offlinern führt Griechenland an. Dort beläuft sich der Anteil der Personen, die das Internet noch nie genutzt haben, auf 20 Prozent. In Deutschland liegt der Anteil der Offliner bei sechs Prozent.

Wer glaubt, dass der intensive Gebrauch des Internets, zumindest in digitalen Berufszweigen dazu führe, dass genügend Fachkräfte rekrutiert werden können, sieht sich allerdings getäuscht. Allein im IT-Bereich blieben, laut einer Studie des Branchenverbandes der deutschen Informations- und Telekommunikationsbranche Bitkom im Jahr 2022 im davorliegenden Jahr 137.000 Stellen unbesetzt. Unternehmen aller Größen und Branchen stehen nicht nur vor der Aufgabe, die passenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für sich zu gewinnen, sondern diese auch langfristig an sich zu binden.

Digitale Transformation in der Bankenbranche

Für die „Postbank Digitalstudie“ seien, wie es heißt, im August letzten Jahres 3.038 Bundesbürger befragt worden. Die Postbank untersucht mit der Studie im neunten Jahr in Folge, welche Entwicklungen sich in verschiedenen Lebensbereichen in Bezug auf Digitalisierung allgemein und insbesondere zu Finanzthemen abzeichnen. Dass immer mehr Finanzdienstleistungen via Internet dem (potenziellen) Kunden offeriert werden, ist bereits seit Längerem sichtbar.

„Die stetig steigende Internetnutzung hat auch eine beschleunigte digitale Transformation in der Bankenbranche ausgelöst“, sagt Thomas Brosch, Leiter Digitalvertrieb der Postbank. Sein Unternehmen entwickle „personalisierte Online-Angebote weiter und nutze soziale Medien, um mit unseren Kunden in Kontakt zu bleiben.“ Mehr und mehr entwickele „sich das Handy zur digitalen Filiale, dabei schätzen die Kundinnen und Kunden vor allem die jederzeitige Verfügbarkeit.“

Nicht nur Erleichterung

Über die Kehrseite der Medaille wird jedoch weniger gesprochen, respektive geschrieben. Denn es werde „für Menschen ohne Internet zunehmend schwieriger, den Alltag zu bewältigen“, wie die ARD-Tagesschau bereits vor einem Jahr einräumte. „Viele Dienstleistungen, Terminbuchungen und Überweisungen“, so wird eingeräumt, „werden oft nur noch online angeboten. Für mindestens sechs Prozent der Bevölkerung ist das ein Problem, denn sie leben offline.“

Im Durchschnitt habe der Anteil der Offliner in der EU laut Statistikamt Eurostat 2022 bei sieben Prozent gelegen. Der Anteil der Internet-Abstinenzler zeige in der EU ein deutliches Nord-Süd-Gefälle: „In den skandinavischen Staaten, Luxemburg, den Niederlanden, Belgien und Irland hatten jeweils weniger als vier Prozent der 16- bis 74-Jährigen noch nie das Internet genutzt. Die höchsten Anteile verzeichneten Griechenland und Portugal mit jeweils 14 Prozent sowie Kroatien und Bulgarien mit je 13 Prozent“, so die „Tagesschau“.

Dabei ist die Verfügbarkeit des Internets nicht unbedingt ein ausschlaggebender Faktor. Wie nationale statistische Behörde Griechenlands „Elstat“ mitteilt, haben 12,0 Prozent der Bevölkerung, die das Internet im Zeitraum April 2022 – März 2023 nutzten, selbst ihre Steuererklärung online eingereicht. Das sei ein Rückgang von 12,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Korrelation zwischen Wetter und Internetverhalten

Spielen hier klimatische Bedingungen bei der Internetnutzung eine Rolle? Dass sich eine Korrelation zwischen Wetter und Internetverhalten feststellen lässt, hat Mathematikerin Annika Stechemesser vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung herausgefunden; zwar in einem anderem, aber ebenfalls äußerst aktuellen Segment. Sie ist die Autorin einer 2022 vorgestellten Studie zum Thema Hate Speech. Wie sie ausführt, könne man sehen, dass außerhalb des „Wohlfühlfensters“ zwischen 12 bis 21 Grad Celsius der Hass im Netz zunehme, berichtet der Mitteldeutsche Rundfunk. Sinke die Außentemperatur unter 12 Grad, „sei mit 12 Prozent mehr Hasspostings zu rechnen – steige sie dagegen auf über 21 Grad, nehme der Hass um 22 Prozent zu.“ Diese Aussagen würde allerdings vorerst lediglich für die USA gelten, weil Stechemesser und ihr Team ausschließlich Daten von US-Nutzern in ihrer Analyse erfassen konnten. Grundlage der Studie sind mehr als vier Milliarden Tweets, die zwischen 2014 und 2020 auf Twitter in den USA gepostet wurden. Mittels maschinellen Lernens identifizierten die Forschenden daraus 75 Millionen Tweets, und verglichen sie jeweils mit den erfassten lokalen Temperaturen.

Online in die Kostenfalle

Der deutsche Markt für Smartphones, Apps und Mobilkommunikation soll 2024 auf 38,9 Milliarden Euro wachsen. Das sei, wie Bitkom aktuell errechnet hat, ein neuer Höchststand. Im Vergleich zum Vorjahr (38,4 Milliarden Euro) beträgt die Steigerung 1,3 Prozent. Der Durchschnittspreis für die Minicomputer mit Telefonfunktion ist innerhalb von gut fünf Jahren um fast die Hälfte gestiegen – von 428 Euro (2017) auf 621 Euro (Jahresmitte 2023). Das geht aus Daten von Bitkom hervor.

Dabei machen Verbraucher immer höhere Schulden bei Telekommunikationsdiensten, wie das Portal „FinanzNachrichten.de“ im März dieses Jahres berichtet. Hauptursache seien die massiven Preissteigerungen für Smartphones. Dies mache „sich mittlerweile auch bei Senioren erheblich bemerkbar, wie aus einer Analyse des Vergleichsportals Verivox hervorgeht.“

Laut Statistischem Bundesamt (Destatis) habe „sich der Schuldenstand von Frauen und Männern zwischen 65 und 70 innerhalb von fünf Jahren fast verdoppelt: 2017 lag die durchschnittliche Schuldenhöhe noch bei 348 Euro, im Jahr 2022 waren es schon 640 Euro. Auch bei Über-70-Jährigen stiegen die Verbindlichkeiten erheblich stärker als bei jüngeren Nutzergruppen – im Schnitt um 42 Prozent.“

Sinkende Aufmerksamkeit ist der größte Komplize von Internetbetrügern, die oftmals darauf spekulieren, dass User die Texte langatmiger, umständlicher oder undurchsichtiger Bedingungen bei der Suche nach Schnäppchen oder besonders interessant erscheinenden Information nicht oder nicht genau genug lesen.

„Die Aussicht auf lukrative Gewinne lässt immer wieder Menschen auf dubiose Internetangebote hereinfallen. Auf Fake-Webseiten investieren sie oft große Summen – und werden abgezockt. Ein Anleger aus dem Kreis Kelheim hat so rund 100.000 Euro verloren“, berichtete der Bayerische Rundfunk „BR24“ im Februar dieses Jahres.

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Über den Autor: Peter Niggl

Peter Niggl, Journalist und Chefredakteur der Fachzeitschrift Security Insight