Blackout – auch Unternehmen müssen besser vorbereitet sein

Herr Broemme war 14 Jahre Landesbranddirektor in Berlin, dann 14 Jahre Präsident der Bundesanstalt Technisches Hilfswerk. Unfälle, Krisen und Katastrophen begleiteten sein Berufsleben.

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13.09.2022

Herr Broemme, Sie waren 14 Jahre Landesbranddirektor in Berlin, dann 14 Jahre Präsident der Bundesanstalt Technisches Hilfswerk. Unfälle, Krisen und Katastrophen begleiteten Ihr Berufsleben. Jetzt richten Sie Ihr Augenmerk auf eine Krise, die uns bislang fremd ist – den Blackout. Wann würden wir es Ihrer Einschätzung nach mitbekommen, dass der große Blackout eingetreten ist?

Man muss hier zuerst einmal unterscheiden zwischen einem Stromausfall und dem umfassenden Blackout. Der Stromausfall ist in der Regel regional begrenzt und handhabbar. Statistisch gesehen wird jeder Mensch in Deutschland jährlich ungefähr insgesamt 15 Minuten mit einem Stromausfall konfrontiert.

Aber zur eigentlichen Frage, woran merkt man, dass es sich um einen längerfristigen Stromausfall, also einen Blackout handelt? Wenn nach einer Stunde der Strom nicht wieder da ist, stellt sich natürlich zwingend die Frage: betrifft das nur mich oder eine größere Region. Normalerweise würde man sagen: Fernsehen einschalten und nach den Nachrichten sehen. Das geht natürlich nicht beim Stromausfall. Welche Informationsquellen bleiben uns also? Wenn man einen akkubetriebenen Rechner hat, der unabhängig vom örtlichen Internet funktioniert, kann man natürlich noch nachsehen, welche Informationen es zu diesem Stromausfall gibt. Das geht in der Regel noch maximal zwei Stunden. Im Zweifelsfall empfehle ich: Radio einschalten! Das geht natürlich auch nur, wenn man ein Gerät besitzt, das unabhängig vom Stromnetz funktioniert. Ich empfehle ein Kurbelradio. Auch das Autoradio ist eine Informationsquelle, die beim allgemeinen Stromausfall in der Regel noch zur Verfügung steht. Das wird noch eine ganze Zeit funktionieren, denn einige Sender verfügen über eine Notstromversorgung.

Wenn der Stromausfall jedoch über eine Stunde andauert, deutet sich eine kompliziertere Havarie an, wie zum Beispiel bei Leitungsschäden. Wenn, sagen wir mal zwei Bundesländer betroffen sind, dann geht es gleich kaskadenartig weiter. Dann spricht man von einem Blackout.

Wie lange wird er dauern?

Wenn es ein großflächiger Zusammenbruch ist, aber keine komplizierten Teile der obersten Netzebene zerstört oder beschädigt worden sind, dauert es zehn oder zwanzig Tage. Sollten Teile beschädigt sein, die erst wiederbeschafft werden müssen, dann kann der Ausfall auch zwei oder drei Monate dauern. Das können wir uns alle nicht vorstellen, weil wir es nie erlebt haben.

Warum ist es so wichtig, sich das alles klarzumachen?

Als Verbraucher ist man davon abhängig, dass die Stromversorgung funktioniert. Wenn der Stromausfall beispielsweise an einem Nachmittag eintritt, empfehle ich, dass in Betrieben die Mitarbeiter zusammengerufen werden – sei es per Gong – und ihnen mitgeteilt wird: Das wird heute nichts mehr. Denn je eher die Leute entlassen werden, umso größer ist die Chance, dass sie nicht im zu erwartenden Verkehrschaos stecken bleiben. Sinnvollerweise müssten ohnehin Evakuierungspläne im Betrieb vorhanden sein.

Die Bahn könnte noch funktionieren, weil der Strom für die Bahn in Extra-Kraftwerken produziert wird. Allerdings hängen die Stellwerke an der örtlichen Stromversorgung. Damit wären auch dieselbetriebe Fahrzeuge relativ rasch keine Alternative mehr.

Wie schnell muss mit gravierenden Schäden bei einem Blackout gerechnet werden?

Je länger ein Blackout anhält, desto dramatischer die Folgen. Aber schon ein relativ kurzer Ausfall der Lieferung von Elektroenergie wird nachhaltige Folgen für ganze Wirtschaftszweige haben. Ich möchte hier als Beispiel die Glasindustrie anführen. Deutschland ist auf diesem Gebiet führend in Europa. Wenn die Schmelzöfen nicht kontinuierlich auf über 1600 Grad gehalten werden können, erkalten sie.  Dann entsteht ein Totalschaden, das kann für die Firma den Ruin bedeuten.

Aber die Öfen werden mit Gas betrieben…

… die Steuerung jedoch ist auf Elektrizität angewiesen. Wenn die ausfällt läuft nichts mehr.

Die Menschen in diesem Land sind es gewohnt, im Gefahren- oder Schadensfall 112 oder 110 anzurufen. Was machen sie beim Blackout?

Eine entsprechende Rufnummer gibt es nicht. Was ich den Kommunen empfehle, ist, dass sie sogenannte Katastrophenschutz-Leuchttürme einrichten. Diese müssen fußläufig für die Bürger erreichbar sein. Dort sollten Informationen und Hilfsangebote bereitgestellt werden.

Natürlich ist der Staat bemüht, die Firmen mit Informationen zu versorgen; es ist aber vielmehr die Pflicht der Firmen, sich mit Informationen zu versorgen. Im Zweifelsfall einfach das Radio einschalten. Damit ist zwar keine Dialogmöglichkeit gegeben, aber man bekommt die wichtigsten Informationen.

Es gibt auch einen ersten Notkanal, auf der Frequenz 100,0, auf dem man hier in Berlin einen Sendebetrieb aufnehmen würde. Das muss natürlich bekannt gemacht werden, damit sich die Menschen aus erster Hand vom Katastrophenschutz informieren lassen können. Ein Kurbel-, Auto- oder batteriebetriebenes Radio ist dafür die einzige Voraussetzung.

Es wird immer wieder auf den unkalkulierbaren Faktor Panik verwiesen?

Ob eine Panik ausbricht ist eine Frage, die sicher auch mentalitätsbedingt ist. Beim Stromausfall in Köpenick war man von einer Panik weit entfernt. Bei einem lange anhaltenden Blackout muss natürlich damit gerechnet werden, dass die Geduld in der Bevölkerung irgendwann erschöpft ist, dann muss auch mit Plünderungen gerechnet werden.

Solange die Bevölkerung merkt, dass sie nicht angelogen wird – das ist ein ganz wichtiger Aspekt – ist die Möglichkeit gegeben, dass Ruhe bewahrt wird. Unrealistische „Beruhigungsinformationen“ bewirken mit Sicherheit das Gegenteil. Die Kommunikation muss auf höchster politischer Ebene erfolgen. Die Politiker müssen sich natürlich von Fachleuten beraten und informieren lassen. Zweckmäßig ist dabei unzweifelhaft, wenn auch Politiker und Politikerinnen über ein gewisses Maß an Fachkenntnis verfügen.

Die Kommunikation hat, das haben die bisherigen Katastrophen und Großschadensfälle gezeigt, nie sehr gut geklappt.

Unternehmen sind ja ein wichtiger Teil im sozialen Gefüge. Können sie dieser Rolle gerecht werden?

Es gibt einzelne Kurse, die sich mit diesen Fragen beschäftigen. Dorthin schicken die Unternehmen meist die Katastrophenschutzbeauftragten oder Mitarbeiter mit einem ähnlich gelagerten Aufgabenbereich. Ich rege an, dass auch die Chefs sich die Zeit nehmen und solche Kurse besuchen. Denn im Ernstfall sollte auch ein Chef wissen, was er tun muss, was er nicht mehr tun kann oder was er besser unterlässt. Wichtig ist, dass ein Chef nicht als erster das sinkende Schiff verlässt. Er sollte als Ansprechpartner für seine Mitarbeiter weiter vor Ort sein. Und es ist überlegenswert, ob nicht Beschäftigte, die weit her zur Arbeit kommen, die erste Nacht besser im Unternehmen verbringen. Es gibt Betriebe, die sind auf solche Situationen vorbereitet. Die haben schon seit Jahren Klappbetten, Schlafsäcke und Notverpflegung eingelagert. Das macht vor allem in Unternehmen der kritischen Infrastruktur Sinn.

Läuft man nicht Gefahr, mit diesen Aufgaben vor allem kleine Unternehmen zu überfordern?

Es gibt viele Fachverbände. Die primäre Aufgabe von Verbänden ist, dass sie sich um ihre Mitglieder kümmern. Ich erwähne hier die Handwerkskammern und die Industrie- und Handelskammern. Ich habe mit vielen Verbänden, wie Wasser- und Stromversorger oder Netzbetreiber, gesprochen. Auf dieser Ebene ist großes Interesse vorhanden. Bei den einzelnen Unternehmen gestaltet es sich anders. Da ist es angesagt, die einzelnen Themen zu bündeln.

Werfen wir einen Blick auf den Einzelhandel, bei denen besonders die großen Discounter in großem Maße die Versorgung der Bevölkerung sicherstellen.

Dort beginnt das Problem schon damit, dass das Bezahlen mit EC-Karte nicht mehr möglich ist. Wer nicht zwei- oder dreihundert Euro Zuhause hat, hat dann schon mal das Nachsehen. Aber auch wer vorgesorgt hat, bleibt unter Umständen außen vor, weil die elektrisch gesteuerten Türen sich nicht mehr öffnen lassen. Wenn man es dennoch schafft, etwas aus dem Regal zu ergattern, ist an der Kasse dann doch auch wieder Schluss, weil diese sich – elektrisch betrieben – nicht mehr öffnen lassen. Die Versorgungskette ist also von der ersten Stunde unterbrochen.

Die großen Supermarktketten haben meines Wissens zudem noch kein System, dass sie auch ohne zu bestellen beliefert werden. Daraus lässt sich erkennen, wie sinnvoll die Empfehlung an jedermann ist, zuhause ein paar Vorräte im Schrank zu haben. Das gilt auch für Unternehmen, die sich überlegen sollten, was sie für einen solchen Fall anbieten können.

Auch beim Thema Plünderungen bei einem Blackout gehen Expertenmeinungen weit auseinander…

Es gibt Studien, die besagen, wenn es dunkel ist, keine Alarmanlage mehr funktioniert, dann sei die Stunde der Plünderer gekommen. Beim Blackout im August 2003 in Nordamerika, unter anderem in New York, ist es im Gegensatz zum dortigen großen Stromausfall 1977 kaum zu Plünderungen gekommen. Beim großen Stromausfall im Februar 2019, der den Berliner Bezirk Köpenick betraf, gab es überhaupt keine Plünderung. Die Bevölkerung hat sehr besonnen, sehr diszipliniert reagiert.

Es gibt keine Auflagen für den Einzelhandel, für den Ernstfall vorzusorgen. Wäre das nicht sinnvoll?

Wo ich mir das am ehesten vorstellen kann, ist bei den Apotheken. Wenn deren Versorgungsauftrag bei einem Stromausfall nicht mehr funktioniert, ist dies das größte Problem. Jede Apotheke wird täglich drei Mal beliefert; für Bestellungen und zum Nachschub. Die Vorräte einer Apotheke sind in zwei, drei Tagen aufgebraucht. Dann muss auf andere Bestellwege zurückgegriffen werden, um aus Zentralapotheken die notwendigen Medikamente zu erhalten.

In der allgemeinen Versorgung kann man sich vorstellen, dass die Feuerwehr oder das Rote Kreuz Essenspakete verteilen. Irgendeine Möglichkeit gibt’s immer, der Katastrophenschutz kann auch einkaufen, wenn sonst nichts mehr geht.

Auch bei einem Blackout wird es Notfälle für die Feuerwehr und die Polizei geben…

Der Notruf würde genauso ausfallen wie das Telefon insgesamt und die Polizei muss noch mehr Streife fahren als sonst. Taxen können auch noch eine gewisse Zeit funken, weil die Taxizentrale auch mit Batterien gepuffert ist. Es gibt immer noch ein paar Möglichkeiten, aber wir wären in dieser Situation weit von dem Alltag entfernt der für uns heute selbstverständlich ist.

Wie lange funktioniert der Autoverkehr? Wie viele Tankstellen können beispielsweise in Berlin ohne Strom Treibstoff abgeben?

In Berlin sind es von rund 400 Tankstellen gerade einmal zwei – und die sind nicht für die Allgemeinheit. Diese Tankstellen sind für existenzielle Einrichtungen des Öffentlichen Dienstes, die besonders wichtig sind, reserviert. Also auch für die Entstörungsfahrzeuge der Gaswerke und des Stromerzeugers. Deshalb ein genereller Hinweis. Es gibt Autofahrer, die erst mit dem letzten Tropfen im Tank zur Zapfsäule fahren. Manch einer hofft, wenn er erst in vier Tagen tankt, den Sprit um zehn Cent billiger zu bekommen. Das wäre für den Autofahrer fatal, wenn beim Eintritt eines Blackouts seine Reichweite auf ein Minimum geschrumpft ist. Das gilt natürlich auch und im Besonderen für die Unternehmen. Ein guter Fahrer würde, auch wenn der Tank noch halb voll ist, sein Fahrzeug volltanken bevor er es auf dem Firmengelände abstellt.

Das bringt mich auf den nächsten Punkt. Den Unternehmen ist dringend geraten, über die Anschaffung von Notstromaggregaten nachzudenken. Feuerwehr und Technisches Hilfswerk, die über solche Geräte verfügen, werden diese nicht für private Unternehmen einsetzen, die haben andere Prioritäten.

Sprechen wir über die Hilfskräfte. Wann sagt ein Feuerwehrmann oder andere Mitarbeiter eines Rettungsdienstes: Meine Familie, mein Privates geht vor, ich werde erstmal nicht in den Dienst zurückkehren?

Der typische Feuerwehrmann und das gilt auch für den THWler, Rotkreuzler und die anderen in der Blaulicht-Community, haben eine edle Grundeinstellung: sie gehen, wenn sie gebraucht werden, eher von ihrer Familie weg, weil sie dann mehreren Familien helfen. Die meisten dieser Leute werden treu und brav zum Dienst erscheinen, wenn sie dort gebraucht werden.

Ist man beim Technischen Hilfswerk, deren Präsident Sie lange Jahre waren, auf einen Blackout vorbereitet?

Blackout ist für das THW intern schon seit Jahren ein wichtiges Thema, unter anderem verbunden mit der Frage, welche Notstromaggregate beschafft werden. Das führte auch dazu, dass es beim THW mobile Betankungseinrichtungen gibt. Bei einem Notstromaggregat stellt sich gleich die Frage: Wie lange hält die Tankfüllung, welche Reserven gibt es, wo bekomme ich den Sprit her?

Das THW hat schon vor Jahren begonnen, seine Liegenschaften möglichst krisenfest zu machen. Notstromversorgung muss überall sein. Das ist noch nicht abgeschlossen. Bei der Feuerwehr ist es ähnlich. In Berlin hat inzwischen jede Feuerwache eine Notstromversorgung mit Hilfe eines eigenen Aggregates, das entweder fest installiert oder in der Nähe positioniert ist.

Kann man sich beim THW beraten lassen?

Die Beratung ist kein gesetzlicher Auftrag für das THW, das macht im Allgemeinen das BBK (Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe). Wenn sich ein Unternehmen an das THW wendet und um eine Beratung nachsucht, wird das THW hilfreich Auskunft geben – zumal in vielen Betrieben ehrenamtliche THW’ler beschäftigt sind.

Wird das genutzt?

Ganz wenig. Für die meisten Unternehmen ist der Gedanke, plötzlich wochen- oder monatelang keinen Strom zu haben, immer noch zu weit weg.

Was würden Sie sich in der Vorbereitung zum Blackout besonders wünschen?

Dass die Bevölkerung besser informiert wird. Und dass die Bevölkerung das Thema wahrnimmt. Auch, dass die Warnungen und Alarmierungen noch konkreter werden. Warnungen müssen auf den Anlass zugeschnitten sein. Eine Warnung kann heißen: Verlassen sie sofort ihr Haus! Im anderen Fall: Gehen sie in das erste Stockwerk! Warnungen müssen zutreffen und präzise sein.

Mein Motto: „Sei vorbereitet – es kommt schlimmer als Du denkst.“

 

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Über den Autor: Peter Niggl

Peter Niggl, Journalist und Chefredakteur der Fachzeitschrift Security insight